Premortem

Details
Vollständiger Name

Project Premortem

Auch bekannt als

Pre-mortem, Übung zur prospektiven Rückschau

Kernkonzepte:

Das Scheitern ist Prämisse, nicht Möglichkeit

Der Gruppe wird gesagt, der Plan sei bereits gescheitert — vollständig — und sie soll erklären, warum. Das ist die ganze Technik; alles andere ist Inszenierung.

Prospective Hindsight

Ein als Tatsache gesetztes Ereignis zu erklären bringt konkretere Gründe hervor, als über ein mögliches Ereignis zu spekulieren.

Vor der Festlegung, nicht danach

Ein Postmortem untersucht eine Leiche, ein Premortem einen Plan, den man noch ändern kann.

Erst schreibt jeder für sich

Jeder notiert seine Gründe unabhängig, bevor etwas geteilt wird — so setzt nicht die ranghöchste Stimme den Rahmen.

Reihum einsammeln

Die Gründe werden abwechselnd vorgetragen, einer pro Person pro Runde. Das holt die leisen Einwände hervor, die eine freie Diskussion begräbt.

Wann einsetzen:

  • Vor einer schwer umkehrbaren Festlegung — Migration, Neuplattform, Release mit festem Termin

  • Wenn ein Team verdächtig schnell einig ist und niemand widerspricht

  • Wenn die Leute, die die Risiken sehen, an die Leute berichten, die den Plan gemacht haben

  • Als Ergänzung zum Risikoregister: Das Register führt die bekannten Risiken, das Premortem erzeugt die, die niemand aufgeschrieben hat

Häufige Missverständnisse:

Die Frage entschärfen

„Was könnte schiefgehen?" statt „Es ist gescheitert — warum?" macht daraus wieder gewöhnliches Risiko-Brainstorming und verliert genau den Effekt, nach dem die Technik benannt ist.

Es für Pessimismus halten

Der Zweck ist, Widerspruch zu erlauben, nicht den Plan zu töten. Am Ende steht meist ein geänderter Plan, kein abgesagter.

Es nach der Entscheidung durchführen

Ist die Festlegung erst öffentlich, haben die Befunde keinen Ort mehr.

Kritik:

  • Die Beweiskette trägt weniger, als das Zitat suggeriert. Der Verhaltensökonom Jason Collins zeigt, dass die vielzitierte „30 Prozent" nicht das aussagen, wofür sie verwendet werden. Collins führt sie auf Mitchell, Russo und Pennington (1989) zurück, deren Ergebnis lautet, dass prospective hindsight die Anzahl der erzeugten Gründe erhöht — und hält ausdrücklich fest: „Mitchell, Russo, and Pennington (1989) did not assess the quality of the reasons." Die gängige Umschreibung, die Technik verbessere die Fähigkeit, Gründe zutreffend zu benennen, um 30 Prozent, stammt aus Kleins Wiedergabe von 2007, nicht aus der Studie.

  • Die akademische Literatur ist dünn. Collins sagt es geradeheraus: „The academic literature on the premortem is thin." Der Stand der Technik ruht überwiegend auf Praxisberichten und auf Kleins eigener Studie mit Veinott und Wiggins (2010), nicht auf unabhängiger Replikation.

  • Unabhängige methodische Kritik wurde nicht gefunden. Eine Suche auf Englisch und Deutsch ergab keine gescheiterte Replikation, keine Metaanalyse und keine begutachtete Kritik an der Technik selbst. Der Rahmen gehört dazu: Die Zeitschriften, in denen eine solche Bewertung am ehesten stünde — Arbeiten zu Structured Analytic Techniques in Intelligence and National Security und im International Journal of Intelligence and CounterIntelligence --, liegen hinter Bezahlschranken und wurden nicht gelesen. Das ist eine Lücke unserer Suche, keine belegte Lücke in der Literatur.

Aktueller Stand:

  • Etabliert und unverändert. Kleins eigene Darstellung in Psychology Today (Januar 2021) deckt sich mit dem Original von 2007; es gibt weder eine überarbeitete Fassung noch eine Nachfolgemethode, zu der der Prior driften könnte. Die Entstehung datiert er rückblickend auf rund drei Jahrzehnte früher, die erste formale Beschreibung ist „Performing a Project Premortem", Harvard Business Review 85(9), 18–19, September 2007.

  • Die von Klein genannten Fehlerquellen sind Ausführungsfehler, keine Grenzen. Er nennt drei: die Frage entschärfen, zu langsam durchgehen, und einen ranghohen Teilnehmer dominieren lassen statt reihum zu gehen. Das sind Kaveats des Urhebers zur eigenen Methode — etwas anderes als unabhängige Kritik.